In Geschichten kann es von Einigem zu viel geben: Zu viele Beschreibungen, zu viele Füllwörter, zu viele Absätze, zu viele Rechtschreibfehler. Aber kann es auch zu viele Charaktere geben?
Ich überfliege im Kopf die Anzahl der Figuren in meiner aktuellen Bettlektüre: ein Protagonist, zwei Freunde, seine Familie (Eltern, Tante, Onkel und Cousin). Der Freund lebt in einer Großfamilie (sechs Geschwister). Dann gibt es noch den Antagonisten, der hat auch Freunde und Familie. An der Schule, zu der alle gehen, gibt es außerdem noch einige Klassenkameraden, weitere Schüler und eine ganze Menge Lehrer. Und dann gibt es ja noch das Ministerium für Hexerei und Zauberei! ;)

 
Allein im ersten Band von Harry Potter gibt es eine Unmenge an Figuren. Und dabei handelt es sich gerade mal um ein Kinderbuch. Dabei habe ich über die Notwendigkeit von sechs Geschwistern bei Ron Weasley schon öfter nachgedacht. Hätten es nicht auch drei getan? Oder maximal vier? Bill und Charlie kommen doch sowieso kaum vor.

„Kill your Darlings!“ ist ein Schreibtipp, der immer wieder durch die Autorenwelt geistert. Tatsächlich hat sich mir nie erschlossen, weshalb man Figuren, die man liebgewonnen hat, aus dem Skript streichen muss.

Sicherlich dürfen es nie so viele Figuren werden, dass es unübersichtlich wird. Gut erzählt können aber schon so einige Charaktere zusammenkommen. Jede Figur sollte sich dabei schlüssig in die Handlung einfinden und eine gewisse Relevanz darin aufweisen. Als Kind einer Großfamilie erhält Ron Weasley bestimmte soziale Merkmale, die ihn und seine Lebenssituation auszeichnen. Zudem steht sein Familienleben damit in einem großen Gegensatz zu Harrys. Eine Änderung von Rons Familienverhältnissen hieße, massiv den Charakter der Figur zu verändern. Hierin sehe ich eine fundierte Begründung für die Anzahl an Figuren, die es zur Darstellung einer Großfamilie benötigt.

Zu viele Charaktere kann es meiner Meinung nach nicht geben. Unser Leben ist von komplexen sozialen Strukturen geprägt. Um eine Geschichte glaubwürdig zu erzählen, benötigt man auch entsprechend viele Figuren, die die Welt lebendig machen. Namenlose Klassenkameraden, unbekannte Mitarbeiter und fehlende Sozialkontakte lassen den Protagonisten schnell einsam, isoliert oder uninteressant wirken.

Schwierig wird es lediglich, wenn Figuren weder für die Handlung relevant sind noch zur glaubhaften Darstellung von Alltag und Sozialkontakten dienen, sondern lediglich farblos und flach neben dem Protagonisten herwandern.
Dieses Problem ist aber nicht von der Anzahl der Figuren abhängig, sondern von ihrer Präsentation. Wer seine Darlings tatsächlich lieb hat, der wird ihnen auch die Aufmerksamkeit schenken, die sie benötigen, um als glaubhafte Figuren in der Geschichte aufzutreten.

Eure Alex

Photo by rawpixel on Unsplash

2 Antworten auf „Wie viele Charaktere sind zu viel?

  1. Schöner Beitrag :) die Sache mit den Charakteren ist schon nicht so einfach. Das Problem hatte ich schon öfter in meinen Geschichten und ich finde es persönlich auch häufig unübersichtlich, wenn ich ein Buch lese, wo es gefühlt 5000 Charaktere gibt. Das sollte man wirklich gut durchdenken.

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  2. Hallo Alex,
    ich sehe das genauso wie du! Eigentlich kann man nie genügend Charaktere haben und in die Geschichte einbringen, so lange sie einen „glaubwürdigen“ und wie du schon sagtest, vernünftigen Nutzen haben. Ab und an hatte ich schon immer mal gedacht, dass ich mit meinem 15 Charakteren gut im Geschäft bin. . 15 Personen, 4 Hauptpersonen sage ich mal, 6 sind vielleicht noch als Nebencharaktere nennenswert und der Rest? Ja, der Rest, der füllt momentan nur die leeren Plätze, damit es glaubwürdig erscheint mit einigen „Strohpüppchen“ im Hintergrund. Und je länger ich darüber nachdenke, 15 Charaktere… Das ist so gut wie die halbe Weasley-Familie in den Harry Potter Büchern. Weswegen ich sicherlich noch ein paar mehr „Strohpuppen“ brauchen werde, damit diverse Szenen Sinn machen und glaubwürdig erscheinen. :) Und wer weiß, vielleicht „entwickeln“ sich die Strohpuppen ja irgendwann zu Charakteren mit größeren Rollen in der Geschichte, man kann ja nie wissen. ;)

    LG Sarah

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