Eine Frage der Perspektive

Du, ihr, wir, sie – Personalpronomen gibt es einige, aber nur auf zwei kommt es in einer Erzählung tatsächlich an: Ich und Er.

In einer meiner letzten Beiträge schrieb ich bereits ganz allgemein über den Erzähler und seine Bedeutung für uns Autoren. Heute möchte ich mich konkreter mit dem Ich- und dem Er-Erzähler auseinandersetzen.

Grundsätzlich sei gesagt, dass beide Erzähler nicht in derselben Geschichte auftreten können. Zwar kann die Perspektive des Erzählers wechseln: So kann der Er-Erzähler einmal aus der Sicht des Protagonisten erzählen und im nächsten Kapitel aus der Sicht des Antagonisten. Von einem Wechsel zwischen Ich- und Er-Erzählform, insbesondere innerhalb eines Kapitels, ist abzuraten. Ein solcher Wechsel unterbricht den Lesefluss und zerstört die Einheit der Erzählung. Die Unterschiede zwischen Ich- und Er-Erzähler sind zu groß, als das beide in einer Geschichte Anwendung finden sollten.

 

Der Ich-Erzähler hat eine sehr beschränkte Perspektive, die auf eine einzelne Figur, meist den Protagonisten, begrenzt ist. Der Leser hat lediglich Einblick in die Gedanken und Gefühle dieses einen Charakters. Was auf den ersten Blick wie ein Nachteil klingen mag, verbirgt einen großen Vorteil: Die Beschränkung auf den Helden der Geschichte schafft einen besonders umfassenden und intensiven Einblick in das Innenleben dieses Charakters. Der Leser ist sehr nah an dem Erleben der Figur dran, kann dadurch umso besser deren Beweggründe nachvollziehen, mit ihr sympathisieren, sich identifizieren und mitfiebern. Der Leser gewinnt den Eindruck, die Ereignisse direkt mitzuerleben. Der Ich-Erzähler garantiert gewissermaßen, dass der Leser eine enge Bindung zur Figur aufbaut.

Andererseits wird der Einblick in das Denken und Fühlen anderer Figuren vollständig verwehrt. Doch auch das kann sehr spannend sein: Die Motive und Handlungen anderer Figuren bleiben somit im Verborgenen und müssen mit mehr oder weniger Aufwand ergründet werden.

Dass das aber nicht immer einfach ist, ist Teil der Schwierigkeit, die mit dem Ich-Erzähler einhergeht: Alle Informationen, um ein Rätsel zu lösen, müssen vom Protagonisten selbst zusammengetragen werden. Hier läuft man manchmal schnell Gefahr, Wissen vorauszusetzen, dass der Held noch gar nicht haben kann. Eine logische Informationsübertragung ist unerlässlich.
Ein Wechsel der Perspektive ist beim Ich-Erzähler grundsätzlich nicht sinnig, da für den Leser dann schwer zu unterscheiden ist, welche Figur gerade spricht. Und ein Ich-Erzähler, der des Öfteren seinen eigenen Namen nennt, wirkt seltsam.

 

Der Er-Erzähler kann deutlich mehr Figuren bedienen. Der Wechsel der Perspektive ist hier ohne Probleme möglich, da durch die direkte Namensnennung der Figuren die Zuordnung für den Leser stets eindeutig bleibt. Darin liegt der besondere Pluspunkt des Er-Erzählers, wodurch er insbesondere bei komplexen Geschichten mit mehreren Nebensträngen zum Einsatz kommt.
Durch diesen Wechsel können Handlung und Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und die Motivation verschiedener Figuren erklärt werden, ohne dass sie diese direkt aussprechen müssen. Durch dieses Mehr an Möglichkeiten entsteht jedoch auch Distanz. Beim Er-Erzähler fühlt sich der Leser nie so nah am Geschehen beteiligt, wie es der Ich-Erzähler leisten kann.

Der Er-Erzähler kann aber auch deutlich allgemeiner von dem Geschehen berichten, dieses belehrend und informierend, aber auch sarkastisch bis zynisch kommentieren und überblicksartig zusätzliche Informationen zum Geschehen geben, die keiner der Figuren besitzen. Dadurch erfährt der Leser einen Wissensvorsprung, was eine interessante Spannung zwischen Leser und Figur aufbauen kann. In diesem Fall tritt der Er-Erzähler als auktorialer Erzähler auf.

 

Alex

Photo by Anika Huizinga on Unsplash

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