Hintergrund: Wie Gloria und Nicole sich kennengelernt haben (Alter circa 9 Jahre)

Zur Mittagszeit gingen alle zur Schulspeisung in den großen Saal. Ich ging stattdessen raus auf den Hof, denn Mum schmierte uns immer Stullen, dick belegt mit Streichwurst oder Käse.
Hier war ich oft allein. Dann kletterte ich auf die alte Mauer, die den Hof umfasste, und von dort auf eine nebenstehende Ulme, auf deren Ästen ich in aller Ruhe mein Lunchpaket aß.
Doch nicht die Einsamkeit zog mich dorthin. Dem alten Baum wohnte ein zauberhaftes Geheimnis inne: Ganz oben im Stamm befand sich ein Hohlraum, der ursprünglich vielleicht durch einen Blitzeinschlag entstanden war. Drinnen befand sich ein altes Nest, in dem immer ein Schatz auf mich wartete: Äpfel oder Birnen, kleine Waldbeeren, manchmal auch Haselnüsse und ein oder zwei Schokoladenbonbons. Wie in einem magischen Rausch schlug ich mir jedes Mal Bauch und Taschen voll.

Dort traf ich Gloria zum ersten Mal. Sie war ein hageres Mädchen, das sich schon damals ihre Haare selber schnitt. Sie stand plötzlich auf der Mauer, als ich diese hinaufgeklettert kam, und noch bevor sie etwas gesagt hatte, hörte ich ihren Magen knurren. Sie sah mich erwartungsvoll an, dann griff sie ohne zu fragen in meine Brotdose, nahm sich zwei Stullen, sprang von der Mauer und rannte davon. Geschockt tat ich es ihr in die andere Richtung gleich.

Als ich am darauffolgenden Tag wiederkam, hoffte ich, dass dies ein einmaliges Erlebnis gewesen sei. Voller Erwartung auf mein heutiges Festmahl kletterte ich wieder die Ulme hinauf und griff in die Baumhöhle, tastete gierig nach allen Seiten – doch es fand sich nichts in dem Versteck. Enttäuscht kletterte ich hinab. Der Zauber war gebrochen.
Doch als ich mich umdrehte, stand Gloria vor mir. Eine Welle der Wut erfasste mich, als ich die Köstlichkeiten der Ulme in ihren Händen sah. Sogar die Schokobonbons hatte sie gefunden!
Doch dann streckte sie mir die Dinge in ihren Händen entgegen.

Und erst in diesem Moment begriff ich. Es waren nie meine Schätze gewesen, die wie von Zauberhand dort für mich hinterlegt worden waren. Es waren ihre Schätze. Und ich hatte mich ungefragt bedient. Mir wurde heiß im Gesicht.
Doch sie lächelte, deutete auf mein Lunchpaket und fragte: „Wollen wir teilen?“

Photo by Nong Vang on Unsplash

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